Neustadter Kunstverein präsentiert
den tschechischen Altmeister Václav Pokorný
- Zeitlose Werke von unbändiger Vitalität

Der Stargast des Tages ist ein kleiner, gebeugter Herr, der sich - auf zwei Dolmetscherinnen gestützt - nur mühsam die hochherrschaftliche Treppe in der frisch restaurierten Villa Böhm hinaufarbeitet: Václav Pokorný, 89-jähriger Maler, Zeichner und Grafiker aus Tschechien, ist in seinem Heimatland, glaubt man den Beteiligten, längst so etwas wie ein lebende Legende, hat es sich aber trotzdem nicht nehmen lassen, extra den weiten Weg aus dem nordböhmischen Jablonec nad Nisou (Gablonz) in die Pfalz anzutreten. Am Sonntag war er anwesend bei der Eröffnung seiner Werkschau mit dem Titel "Zeichen des Lebens", mit der der Neustadter Kunstverein zugleich das Ende seines langjährigen Exils feierte.

Berühmtheit erlangte Pokorný in Tschechien vor allem durch zwei Umstände: Der 1914 in Pilsen geborene Künstler stand der für die tschechische Identität so wichtigen "Gruppe 42" ("Skupina 42") nahe, jener legendären künstlerischen Widerstandsbewegung im von den Deutschen besetzten Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, die sich 1942 nach dem Massaker von Lidice bildete. Und er hat sich - im Gegensatz zu manch anderen Mitgliedern dieser Gruppe - in kommunistischer Zeit nicht "verbiegen" lassen, lieferte keine "Staatskunst" im Stile des sozialistischen Realismus, was ihm, wie am Sonntag zu hören war, wiederholt mehrjährige Berufsverbote einbrachte. Der Lohn kam nach der Wende: Pokorny zählt heute zu den bedeutendsten tschechischen Künstlern der Gegenwart - unterstrichen durch die Anwesenheit von Alice Mzyková, Kulturattaché der Tschechischen Republik, bei der Neustadter Vernissage. Vor drei Jahren wurde er unter anderem durch eine große Ausstellung im Prager Parlament geehrt.

Wer nach dieser Vorrede nun aber in Neustadt eine große Retrospektive erwartet, sieht sich getäuscht. Die Schau in der Villa Böhm vermittelt - anders als der Titel vermuten lässt - keinen Überblick über ein komplettes Lebenswerk, sondern zeigt fast ausnahmslos jüngere bis jüngste Arbeiten - Werke, die in der Mehrzahl gerade einmal zwei, vier oder sechs Jahre alt sind, zugleich aber eine Vitalität in Farbe und Komposition ausstrahlen, die man kaum mit einem Über-80-Jährigen in Verbindung bringen würde.

Dieses Alterswerk freilich scheint auf eine erstaunliche Weise dennoch mit Pokornýs künstlerischen Wurzeln in den 40er Jahren verknüpft. Die Kunst der "Gruppe 42" lässt sich in gewisser Weise als eine schon damals leicht eklektizistische Revue der von den Nazis als "entartet" verfemten Kunst verstehen, deren Adaptierung im besetzten Prag einem trotzigem Akt der Selbstvergewisserung gleichkam. Einen ähnlichen Geist, allerdings durch die Heiterkeit des Alters geläutert, atmen auch die 40 symbolisch verrätselten Figurenbilder, die Pokorný jetzt in Neustadt präsentiert. Der Rundgang durch die schmucken Räume der Villa nämlich ähnelt stellenweise einem Ausflug in die Kunstgeschichte, bei dem die klassische Moderne mit ihren zahllosen -ismen Revue passiert.

Die bedrohlich-hermetische Atmosphäre Salvador Dalis etwa scheint in vielen Bildern auf (etwa in "Idole" von 1997), ebenso die gelängten Körper Modiglianis und die abstrahierten Figurinen Oskar Schlemmers und Giorgio de Chiricos. Die vitalen Kompositionen eines Henri Matisse leben in der 1998 entstandenen Serie "Frauen und Masken", "Das Trampolin" und "Der Fries" auf, die deutliche Anleihen bei Matisses "Tanz" nehmen. Pop-Art-Reminiszenzen wiederum gibt es in der Bildmontage "Werbung", während "Frauen in der Natur" den Geist der berühmten "Badenden" von Cezanne zu atmen scheint. Das durchgängigste Merkmal Pokornýs scheint seine stilistische Offenheit.

Dass die Schau trotz solcher Zitate nicht zu einer blutarmen Stilhuberei gerät, liegt vor allem an der unbändigen Sinnenfreude, die Pokornýs Bilder ausstrahlen und an den magischen Geschichten, die sie - durchaus mit Humor und Herzlichkeit, aber auch mit Sinn für Atmosphäre, Vision und Spannung - erzählen. Pokorný liebe den Wein und die Frauen, hat Achim R. Tandler, stellvertretender Vorsitzender des Kunstvereins und langjähriger Freund, dessen Kontakte die Ausstellung erst ermöglichten, in seiner Einführungsrede erwähnt, und zumindest Letzteres, die holde Weiblichkeit, ist auch das große Thema vieler Bilder. Prall Erotisches trifft da auf zarte Innigkeit, Dämonisches auf Lyrisches. "Frauen im Kopf" etwa heißt ein Bild, und man sieht genau das: einen in surrealistischer Manier aufgeschnittenen Strichmännchen-Kopf mit entsprechendem "Innenleben".

Auch einige schöne biblische Sujets finden sich in der Schau, "Susanna und die Alten", "Die Heimkehr des verlorenen Sohnes", "Der Baum der Erkenntnis", die von Pokornys Meisterschaft im Figürlichen zeugen und wie fast alles bei ihm gehalten sind in einer geradezu aufreizenden Farbigkeit. Dass der Künstler allerdings nicht immer so gemalt hat, zeigt das einzige ältere Werk in der Schau, "Im Studio" von 1964. Ernst und dunkel hängt es zwischen seinen bunten Nachbarn. Gerne hätte man mehr gesehen von diesem "Frühwerk". Auch um das Alterswerk besser einordnen zu können.

Trotzdem: Der Neustadter Kunstverein setzt mit dieser Schau eine spannende, internationale Note. Ein gelungener Auftakt, der die Messlatte hoch legt, für das, was folgen wird. Aber auch für Václav Pokorný, für den dies die erste große Ausstellung in Deutschland ist, dürfte sich der Ausflug gelohnt haben. Am Ende der Vernissage jedenfalls finden sich schon viele orangefarbene Punkte neben seinen Bildern: Verkauft!

Die Ausstellung "Zeichen des Lebens" mit Werken von Václav Pokorný ist noch bis 21. April in der Villa Böhm in Neustadt zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15-19 Uhr, Samstag und Sonntag sowie Ostermontag 11-13 und 15-18 Uhr.

Von unserem Redakteur: Holger Pöschl
RHEINPFALZ, Mittwoch, 2. April 2003

Kunstverein Neustadt zeigt hochkarätige Ausstellung
"Zeichen des Lebens" in der Villa Böhm

Neustadt (hs) Vom 30. März bis 21. April ist in der Villa Böhm eine Ausstellung unter dem Titel "Zeichen des Lebens" mit Werken von Václav Pokorný zu sehen, Vernissage ist am Sonntag, 30. März, um 11 Uhr in den neu gestalteten Räumen in der restaurierten Villa Böhm in der Maximilianstraße (Eingang auch von der Villenstraße). Pokorný, 1914 in Pilsen geboren, zählt zu den wichtigsten Künstlern der Tschechischen Republik. In seinem umfangreichen Gesamtwerk verbindet er kompositorische Großzügigkeit und Liebe zum Detail, figurale Formbildung und lebenspralle Farbigkeit. In der Maltechnik ist ihm die Ölmalerei am nächsten, aber er beherrscht auch brillant Druckgrafik, Zeichnung, Aquarell und Temperamalerei.

In den dreißiger Jahren studierte er bei namhaften Professoren in Prag, damals eines der fortschrittlichsten Zentren der europäischen Kunst und Kultur. Nach seinem Staatsexamen arbeitete er als Professor für Zeichnen und darstellende Geometrie, einige seiner Schüler sind heute anerkannte tschechische Künstler. 1940 mietete er sein erstes Atelier und schuf beachtenswerte Bilder mit unübersehbar gesellschaftskritischem Unterton, ähnlich dem seiner Bekannten aus der "Gruppe 42". In diesem oppositionellen Zusammenschluss von Künstlern, die der nationalsozialistischen Unterdrückung den eigenen künstlerischen Ausdruck entgegensetzte, wurde auch er bald Mitglied. In den vergangenen fünfzig Jahren führten ihn viele Studienreisen in alle Weit, seine Werke wurden in unzähligen Ausstellungen gezeigt und sind heute vertreten in Galerien, privaten und öffentlichen SammIungen moderner Kunst. Mit unverwechselbarer künstlerischer Ausdrucks- und Schaffenskraft reflektiert er bis heute eigene Erfahrungen und unsere Welt mitsamt ihren Täuschungen, Träumen und Visionen. Die langjährige Freundschaft zwischen Pokorný und dem 2. Vorsitzenden des Kunstvereins, Achim R. Tandler, ermöglichte das Zustandekommen dieser umfangreichen Werkschau in der Villa Böhm. Der Kunstverein freut sich ganz besonders, den Künstler trotz seines hohen Alters bei der Ausstellungseröffnung in Neustadt persönlich begrüßen zu dürfen. Der Vorsitzende Wolfgang Glass wird die Gäste in der Villa Böhm begrüßen, Kulturattaché Alice Mzyková von der Botschaft der Tschechischen Republik spricht ein Grußwort, Achim R. Tandler gibt eine Einführung in das künstlerische Schaffen Pokornýs.

Harald Schönig
STADTANZEIGER, Donnerstag, 27. März 2003